Wer wohnte früher hier?

Bei dem Haus handelt es sich um ein Bürgerhaus im ältesten Siedlungsgebiet der Stadt Meiningen, nur wenige Schritte von der Stadtkirche entfernt. In den vergangenen Jahrhunderten ist es immer wieder umgebaut worden.

Nach 1850 wurde es um ein Geschoss auf die heutige Höhe angehoben und mit einer klassizistischen Putzfassade versehen, die charakteristisch für das Meininger Stadtzentrum ist. Es handelt sich um ein Zeugnis, wie die Mehrheit Bürger in der Residenzstadt früher lebte. Die Mehrzahl unserer Vorfahren lebte nicht in Palästen, sondern in den etwas bescheideneren Bürgerhäusern. Ihre Geschichte geht verloren, wenn keine sachlichen Zeugen mehr von ihnen greifbar sind.

In der Kirchgasse 6 lebten nach unseren Recherchen kleine Krämer, die immer auf Untermieter angewiesen waren. Darüber geben die Adressbücher seit 1855 Auskunft.

Heinrich Riemetz wird 1855 als Scribent, also Schreiber, geführt. Es folgt ein weiterer Scribent und 1881 noch ein „Amtsassistent in Steinach“ – Beamte herzoglichen Dienst.

1890 wird der Gemüsehändler Moritz Lorenz aktenkundig. Zu den Untermietern gehörten Briefträger, Serganten, vier Hoboisten (Oboenbläser) und weitere Musiker, zwei Schneider, Werkhelfer, Hilfsschlosser und Rentner.

Das Haus wurde von der Eigentümerfamilie mit zwei bis drei Genrationen und zwei weiteren Mietparteien besetzt.

Die äußere Fassade entspricht der Ansicht, wie sie Herzog Georg möglicherweise wahrgenommen hat, in jedem Fall aber ein Briefträger, Serganten, vier Hoboisten, zwei Schneider, ein Werkhelfer und der Hilfsschlosser in den vergangenen 150 Jahren.

Die Sanierung

Die Bausubstanz (teilweise völlig aufgelöste Balken, verwinkelte Kammern, ein Lichtschacht als Hof und die beim Kauf 2011 vorgefunden wurde sowie die Grundstücksgröße von nur 75,60 Quadratmetern, machte klar, dass es sich hier um ein Liebhaberstück handelt, dass eine wirtschaftliche Umgestaltung auf den ersten Blick nicht möglich ist.


Bereits am 20. April 1995 wurde eine Abbruchgenehmigung erteilt. Die Stadt versprach sich gerade mal noch archäologische Grabungen und hatte das Haus ansonsten abgeschrieben. Geplant war der Neubau- eines Wohn und Geschäftshauses – in der gesichtslosen und völlig ortsuntypischen Art, wie andernorts oft zu sehen. Das Haus wurde nicht abgerissen, verfiel dafür aber weitere 15 Jahre und harrte seines Endes. Holzschädlinge haben die ungestörte Zeit genutzt und ganze Arbeit geleistet.

Wir wollten mit der Sanierung der Kirchgasse 6 beweisen, dass ein augenscheinlich total „verbautes“ Haus eine Zukunft mit modernstem Wohnkomfort hat und gleichzeitig seinen besonderen Charme und seine Wurzeln in der Geschichte behalten kann.


Der Dachstuhl war leider nicht mehr zu retten, da kein Balken mehr ohne Schädlingsbefall war und ein Einsturz nur noch eine Frage der Zeit war. Das gleiche galt für die hölzerne Drücke – also ein im Hof vorgesetzter umlaufender Gang. Für die Drücke galt bereits ein Betretungsverbot. Der Dachstuhl wurde in der alten Kubatur neu aufgesetzt, nun aber als ein kompletter Raum. Die zum Hof reichende Seite wurde mit einer großzügigen Fensterfläche geöffnet, über die eine Dachterrasse auf das Hinterhaus erreicht wird. Von hier aus hat man einen Blick auf den Meininger Markt und die Stadtkirche.

In das darunterliegende Geschoss wurde die Decke im Stil einer Galerie geöffnet, was für eine wesentlich bessere Beleuchtung und ein gigantisches Raumgefühl von fast sechs Metern Höhe führt. Die zur Straßenseite liegende Räume wurden inklusive Türen und Rahmen erhalten sowie die historischen Dielen aufgearbeitet.

Das gesamte Haus wurde mit Lehmziegeln und Lehmputz gefertigt (so wie schon beim Bau des Hauses vor ein paar Hundert Jahren), um ein angenehmes Raumklima zu gewährleisten. Dazu kommen Unterputz-Wandheizungen in allen Räumen, die für eine optimale Stahlungswärme sorgen. Die verlegten Rohre könnten bei einer Fortschreitung des Klimawandels im Sommer auch mit kaltem Wasser durchströmt werden und so für Kühlung sorgen. Um die Belastung für die Umwelt so gering wie möglich zu halten, wurde das Haus an die Fernwärmeversorgung angeschlossen.

Im 1. Obergeschoss ist eine Einliegerwohnung mit separater Küche und Bad entstanden.

Im Erdgeschoss haben die heutigen Anforderungen(Platz, Erschließung) keinen Laden mehr erlaubt. Die Lage in einer wenig belebten Seitengasse versprach auch keinen wirtschaftlichen Betrieb. Statt dessen wurde eine Garage eingebaut. Das Garagentor ist die Einzelanfertigung eines handwerklichen Schreiners und orientiert sich an historischen Hoftoren. Der Eingangsbereich wurde mit Thüringer Travertin ausgelegt, Balken und Natursteinsims wurden aufgearbeitet.

Historische Details wurden nach Möglichkeit erhalten, darunter eine florale Bemalung im Erdgeschoss, die noch fachmännische aufgearbeitet werden wird. Die früheren Besitzer hatten ganz offensichtlich ihre wirtschaftliche Not, das hinderte sie aber nicht daran, ihr Umfeld liebevoll zu schmücken – das Ornament erzählt vom immerwährenden Streben der Menschen nach Schönheit in ihrem Umfeld.

Der durch den Verlust der Drücke etwas lichtere Hof wurde mit Natursteinen gepflastert und sieht heute aus wie man sich die Innenstadt vielleicht vor 500 Jahren vorstellte.

Insgesamt bietet das Haus heute eine Wohnfläche von fast 150 Quadratmetern mit lichten Räumen. Behindertengerecht lässt sich so ein Haus freilich nicht umgestalten, sofern man das meiste an vorgefundener Bausubstanz erhalten möchte.